Luuise als Ansatz der Forschungs-Praxis-Partnerschaft - SGBF-Tagung 2020

3 – Bausteine-Vertiefung, Lehren und Lernen sichtbar machen - LLSM

Dr. Wolfgang Beywl, Professor; Kathrin Pirani, Dozentin und Lehrperson SEK II; Philipp Schmid, Dozent, am Institut Weiterbildung und Beratung der PH FHNW

Formative Evaluation des Unterrichts mit dem Luuise-Verfahren – der Stellenwert von Interaktion und Kommunikation auf drei Handlungsebenen

Schlagwörter: Formative Evaluation des Unterrichts; datengestützte Unterrichtsentwicklung; situierte Lehrpersonenweiterbildung; Unterrichtsdialog mit Lernenden; E-Mail-Beratung

Luuise „Lehrpersonen unterrichten und untersuchen integriert, sichtbar und effektiv“. ist Verfahren datenbasierter Unterrichtsentwicklung. Seit 2013 wird es von über 800 Lehrkräften umgesetzt. Begleitet wird durch zertifizierte Coachs. Die beiden klassischen 3er-Schrittfolgen einer didaktischen und einer empirischen Untersuchungsplanung werden in fünf Schritten parallelisiert. Startpunkt ist eine als (1) chronisch unbefriedigend wahrgenommene Unterrichtssituation. Als alternativ gewünschter künftiger Zustand wird (2) ein operationalisiertes Ziel formuliert, das (3) durch passgenaue Unterrichtsinterventionen erreicht werden soll. Auf diese abgestimmt wird (4) eine Datenerhebung geplant; (5) Datenauswertung, Interpretation und Schlussfolgern erfolgen gemeinsam mit der Klasse.

Luuise wird in schulinternen dreiteiligen Weiterbildungen vermittelt und erarbeitet: (A) Starttag (Ergebnis: weitgehend fertiggestellte Planung;(B) kurzer Zwischenstopp mit allfälliger Anpassung, (C) schulweiter Präsentationstag zur Verbreitung der didaktischen und empirischen Innovationen. 

Datenerzeugung und –nutzung geschieht auf drei Ebenen: I.) im Unterricht durch Lehrpersonen und auch Lernende; II.) in den als Modell datengestützt weiterentwickelten Weiterbildungen. Hinzu kommt III.) eine wissenschaftliche Begleitung mit Online-Befragungen, Gruppendiskussionen, narrativen Interviews uvm. des gesamten Programms.

Für die Interaktion zwischen Lehrpersonen/Weiterbildenden/Forschenden ist gegenseitige Anerkennung der Expertisen Voraussetzung: Erstgenannte bringen ihre didaktische Expertise, Kenntnisse der situationalen Bedingungen ein; Luuise-Coachs/Forschende u.a. ihre Kompetenz mit situationsangepassten Datenerhebungsverfahren.

Das Ende der 1990er Jahre entwickelte Selbstevaluationsverfahren wird heute durch Forschungen von John Hattie begründet. Evaluierende Lehrpersonen erreichen durch Luuise eine hohe Unterrichtseffektivität. (Hattie, 2014). Luuise ist gegenüber anderen geeigneten Verfahren (Lesson Study, Aktions-/Praxisforschung, kollegialen Hospitationen etc.) schnell erlernbar und schlank in den Unterricht integriert.  

Das Weiterbildungsformat ist gemäss den u.a. durch Lipovsky & Rzejak (2015) ermittelten Gelingensbedingungen konzipiert:strukturierte Phasen von Instruktion – Erarbeitung - Erprobung – Reflexion –  anhand konkreter Unterrichtssituationen Diese «volle Situiertheit» (Wyss et al., 2017, verspricht gesicherte Praxistransfers und verbesserte Lernresultate. 

In mehreren Begleitforschungen zu Luuise wurde u. a. untersucht (s. Beywl & Odermatt, 2019)

·        wie sich es sich auf Selbstwirksamkeitsüberzeugung der Lehrpersonen auswirkt

·        welche Wahrnehmungen Lernende vom Lehrpersonenhandeln haben

·        welche Lernprozesse der Lehrenden im „Prozess der Arbeit“ stattfinden, im Zusammenwirken von sozialer Interaktion mit Wissensrezeption und –produktion 

·        Welchen Einfluss die E-Mail-Beratung als distante Interaktion auf der Basis personalen Vertrauens auf die Unterrichtsplanung der Lehrpersonen hat.

Desiderate sind u.a. Fragestellungen zur Nachhaltigkeit und zum Mainstreaming von Luuise angesichts dynamischer Veränderung in Schulorganisation und Kontext, zu den Auswirkungen auf die Schulkultur – namentlich die kollektive Selbstwirksamkeitsüberzeugung und freiwillige vs. verpflichtende Teilnahme –, Veränderungen der Interaktionen mit Lernenden, Eltern u.a.. Konfliktpotential bergen differente pädagogische Wertpositionen sowohl innerhalb der Kollegien als auch mit den Luuise-Coachs (z. B. Einsatz von Verstärkern, Wettbewerbsprinzip), die im Luuise-Planungsprozess allen Beteiligten transparent werden.

Beywl, Wolfgang/Odermatt, Miranda (2019): "Luuise – ein Verfahren zur Qualitätsentwicklung in Schule und Unterricht.  In: Steffens, Ulrich/Posch, Peter (Hg.): Lehrerprofessionalität und Schulqualität. Münster: Waxmann, S. 213-235

Hattie, J. A. C. (2014). Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen. Baltmannsweiler: Schneider Hohengehren.

Lipowsky, F. & Rzejak, D. (2015). Das Lernen von Lehrpersonen und Schüler/-innen im Fokus. Was zeichnet wirksame Lehrerfortbildungen aus?. In A. Grimm & D. Schoof-Wetzig (Hrsg.), Was wirklich wirkt!? S. 11–49. Loccum: forum Lehrerfortbildung Heft 46.

Wyss, M., Beywl, W., Pirani, K. & Knecht, D. (2017). Die eigene Lehre untersuchen“ – ein Erfolgsfaktor? Zeitschrift für Hochschulentwicklung, 157–174. https://www.zfhe.at/index.php/zfhe/article/view/1003 [10.1.2020].

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